Was passiert in der Bochumer Genusswelt? Die aktuelle Leseprobe aus dem neuen Magazin BOCHUM GEHT AUS! 2018.

Eine Markthalle für Bochum – vor einem Jahr war das noch ein Traum. Doch jetzt scheint die Umsetzung zum Greifen nah. In der Stadtverwaltung arbeitet ein Expertenteam eifrig an der Umsetzung des Projekts in der Innenstadt.

In Städten wie Barcelona, Rotterdam, Hannover, Frankfurt oder Berlin ist die Einrichtung eines überdachten Wochenmarkts, der täglich geöffnet hat, längst eine Selbstverständlichkeit. In Barcelona ist die Markthalle auch ein architektonischer Höhepunkt im Stadtbild. Der 1950er-Jahre-Klotz in Hannover ist das nicht unbedingt – doch wegen der guten Angebotsmischung aus frischer Marktware und ansprechender Gastronomie mit Street-Food-Charakter wird die Halle trotzdem weiterhin gut frequentiert.

Im Ruhrgebiet gibt es keine Markthalle weit und breit. In Gelsenkirchen ist zuletzt ein Versuch gescheitert – wohl auch deshalb, weil das Konzept zu Gastronomie-lastig war. „Wichtig ist ein gutes, frisches Nahrungsangebot, das auch die Leute aus dem Umkreis anzieht“, sagt der Bochumer Stadtbaurat Markus Bradtke, der sich gerade Hallen in Deutschland und im Ausland anschaut. „In Freiburg gibt es nur noch einen Obststand“, nennt er ein aus seiner schlechtes Beispiel. Bochum sei gastronomisch schon sehr gut aufgestellt, deshalb sei etwas anderes gefordert.

Fast alle Bochumer Ratsfraktionen schreiben sich mittlerweile auf die Fahnen, die Markthalle schon immer gewollt zu haben. Was wohl auch damit zu tun hat, dass sie sich auf der ersten Bochumer Bürgerkonferenz im Februar 2017 als starker Wunsch herauskristallisierte. Seitdem ist die Halle auch ein Herzensprojekt von Oberbürgermeister Thomas Eiskirch und auch wenn es noch keinen Durchführungsbeschluss des Rates gibt, so doch einen konkreten Prüfauftrag an die Verwaltung.

Geprüft hat das Expertenteam deshalb mittlerweile viele innerstädtische Standorte, denn darüber, dass solch ein Projekt außerhalb der City keinen Sinn macht, herrscht große Einigkeit. Die großen Plätze Husemann-, Dr.-Ruer- und Buddenbergplatz (auf dem samstags bereits ein Wochenmarkt stattfindet) kommen wegen der Tiefgaragen darunter wohl nicht in Frage. „Eine Markthalle braucht Kühlkeller“, sagt Markus Bradtke, „außerdem Sanitär- und Sozialräume.“ Deshalb müsste man auf den Plätzen über einen zweigeschossigen Aufbau nachdenken – und das sei wenig realistisch. Auch Massenberg- und Bongardboulevard seien eher ungeeignet, weil das Platzangebot dort unter anderem wegen der Busspuren zu beengt sei.

Der Fokus der weiteren Standortprüfung liegt deshalb auf Bestandsimmobilien – in der engeren Auswahl ist zum Beispiel der so genannte Telekomblock gegenüber des Rathauses. „Wenn der Rat unseren Vorstellungen folgt, wird das Bildungs- und Verwaltungszentrum abgebrochen und dort entsteht neue Wohnbebauung“, so Bradtke. „Mit dem Basecamp am Hauptbahnhof kommen außerdem über 400 neue Studierende in der Innenstadt. Diese Menschen brauchen mehr Nahversorgung.“

Daneben hofft der Stadtbaurat natürlich auf mehr Strahlkraft für Bochum durch ein weithin einzigartiges Markthallenkonzept. Er will allerdings realistisch bleiben: „Ich bin schon glücklich, wenn mehr Menschen in Bochum bleiben und in der Innenstadt einkaufen gehen.“

Dass eine neue Markthalle Auswirkungen auf die Situation der innerstädtischen Wochenmärkte hätte, davon ist Markus Bradtke überzeugt: „Würde sie im Telekomblock entstehen, macht es sicher keinen Sinn, den Markt am Rathaus zu erhalten. Aber vielleicht können sich Marktbeschicker auch überlegen, in die Halle zu gehen.“ Wer die Halle letzten Endes betreiben könnte, ist bislang noch ungewiss. „Dass sie von Stadtbeamten gemanagt wird, ist jedenfalls nicht vorstellbar“, sagt der Stadtbaurat. Mit Frischemarkt-Gründer Herwig Niggemann steht ihm für die Findung allerdings ein ausgewiesener Experte zur Seite. 

Max Florian Kühlem

Drei Fragen an Herwig Niggemann

1.   Bochum geht aus:   Welche Markthallen sind Ihrer Ansicht nach für Bochum als vorbildlich anzusehen und warum?

Herwig Niggemann: Moderne Konzepte von Markthallen gibt es wenige. Dazu gehört aber herausragend die Markthalle in Kopenhagen, die 2011 eröffnete und inzwischen erfolgreiche Jahre hinter sich hat.

Das Konzept Rotterdam dagegen hat es nicht geschafft, eine echte Markthalle zu werden, sondern ist ein - sehr erfolgreicher - Gastronomieort geworden. Die Markthändler sind inzwischen weitgehend woanders, auf einem normalen Markt, zuhause.

Die großen klassischen Markthallen, wie Budapest, Dijon, Barcelona u.a. sind eher weniger für uns als Vorbild geeignet, da sie eine andere Verbraucherstruktur haben, die wir nicht finden könnten.

Daher finde ich es sehr spannend, die Markthalle Kopenhagen genauer anzuschauen und sich mit den Verantwortlichen dort, insbesondere dem Planer und heutigen Leiter Niels Brandt auszutauschen. Das haben wir in Kürze vor und hoffen, dort viele weitere Anregungen zu finden. 

2.     Kann sich eine Markthalle vom Preisgefüge her mittel- und langfristig gegen die großen Billig-Discounter durchsetzen?

Ja, ganz bestimmt. Denn die Markthalle kann durchaus preislich mitziehen. Es geht dabei nicht um ein Billigangebot. So verstand man früher die Märkte. Heute bedient die Markthalle das qualitativ höhere Segment im Food-Bereich. Verbraucher suchen Premiumprodukte. Das haben wir ja auf dem Moltkemarkt bereits gelernt. Der Markthändler muss lernen, so ein Angebot zusammenzustellen und an den Kunden zu bringen. Das ist die Basis für eine Markthalle, die wirklich als Verkauf von frischen Lebensmitteln konzipiert ist. Und dazu kommt dann, was wir mit „Verweilqualität“ bezeichnen. Der Kunde will durchaus dort etwas verzehren, einen Kaffee, einen Käse-Schinken-Teller vom Italiener, eine Auster vom Fischhändler oder den Antipastiteller vom Olivenstand. Dazu gegen Abend auch ein Glas Wein, um mit Freunden und Bekannten ein Schwätzchen zu halten. Das Konzept ist also, dass nur Markthändler selbst auch das Zusatzangebot vor Ort machen, damit das wirtschaftliche Gefüge gewahrt bleibt. Es soll keine Gastronomieveranstaltung werden.

3.     Wie sähen idealerweise die Öffnungszeiten einer Markthalle aus?

Der Markt sollte sechs Tage die Woche geöffnet haben, von Vormittags bis in die frühen Abendstunden. So vielleicht von 10 bis 19 Uhr wäre denkbar. Und damit auch parallel läuft zu den Geschäften der Innenstadt. In Kopenhagen ist die Markthalle täglich, auch sonntags geöffnet. Und Sonntag ist sogar einer der stärksten Tage. Aber das ist ja bei uns derzeit nicht möglich. 

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